|
Technisches Museum U 995
Das Boot wurde am 16. September 1943
bei Blohm & Voss, Hamburg, erbaut und unter dem Kommando von Kapitänleutnant
Köhntopp in Dienst gestellt. Am 25. April lief es nach Norwegen zum
Einsatz ins Eismeer aus, wo später Oberleutnant z. S. Hanns Georg Hess
das Kommando übernahm. Hauptziele waren, von einigen Einzelfahrten
abgesehen, die von Russland kommenden und nach Russland gehenden, meist
alliierten und wenigen sowjetischen Geleitzüge anzugreifen. Diese
Konvois hatten wegen ihrer so kriegsentscheidenden Bedeutung stets eine
unverhältnismäßig starke Sicherung aus Kreuzern, Geleitträgern,
Eskortschiffen aller Art (Zerstörer, Fregatten, Korvetten, Sloops und
vor den russischen Küsten auch sowjetische U-Bootjäger, Minensucher
und Torpedokutter). In den wissenschaftlichen Veröffentlichungen über
den U-Boot-Krieg im Nordmeer heißt es daher (und stets auch in
Verbindung mit U 995) immer wieder „...die U-Boote kommen (so
z. B. beim Konvoi JW 64) gegen die Sicherung nicht zum Angriff...[2]“
oder „...die U-Boote werden (z. B. beim Konvoi RA 61) abgedrängt, außerdem
vereiteln schlechte Ortungsbedingungen offensive Erfolge...“ Eine
typisch starke Sicherung hatten (z. B.) im Oktober 1944 die 24 Dampfer
und die für die Sowjets beigegebenen sechs Lend-Lease-U-Boot- Jäger
mit 23 Sicherungseinheiten. Der Konvoi JW 62/RA 62 vom November 1944
hatte für 30 Handelsschiffe eine Nahsicherung und eine Deckungsgruppe
von insgesamt 34 Einheiten, oder es sei – ein weiteres Beispiel –
der Konvoi JW 65 im März 1945 genannt, dessen 24 Frachtschiffe von 22
Einheiten gesichert wurden. In manchen Fällen wurden auch reguläre
Support-Groups beigegeben. Welch ein Aufwand.
U 995 wurde ausschließlich im
Nordmeer gegen Geleitzüge und auch vor dem Kola- Fjord in Lauerstellung
gegen auslaufende Konvois und
Sicherungsstreitkräfte eingesetzt. Die Tatsache, dass die so
kriegsentscheidenden Geleitzüge überaus stark gesichert worden sind
(in manchen Fällen waren sogar mehr Sicherungsschiffe als Frachtschiffe
unterwegs) erklärt, dass die Erfolge auch von U 995, das bei
allen Nordmeer-Konvois der Schlussphase 1944/45 ein- und angesetzt
worden war, nicht übermäßig groß gewesen sind, von den verzeihlichen
Fehlleistungen beim vorzeitigen Explodieren der „Zaunkönige“ ganz
abge- sehen. Die eigentliche Leistung des mit dem Ritterkreuz
ausgezeichneten Kommandanten, OL z. S. Hess und seiner Männer, ist in
erster Linie in der permanenten Anwesenheit in diesem unwirtlichen
Meergebiet zu suchen, aber auch im Angriffsgeist der Besatzungen, die
trotzdem versuchten, die Geleitzugsicherung zu durchbrechen oder vor der
Kolabucht, angesichts stärkster britischer und sowjetischer Sicherungs-
und U-Jagd-Streitkräfte, das Auslaufen
der Rückgeleite zu behindern und diese beim Auslaufen selbst immer
wieder angegriffen zu haben. Nicht zu vergessen seien auch die stillen
Operationen, die Minensperren, von denen
U 995 eine Sperre in der Durchfahrt zur Kara See gelegt
hat.
U 995 wurde nach dem Kriege
den Norwegern überlassen, die das Boot unter dem Namen Kaura in Dienst
gestellt haben, ehe es an die Bundesmarine zurückgegeben wurde und mit
deren Einverständnis als technisches Museum Aufstellung vor dem
Marine-Ehrenmal in Laboe gefunden hat.
Eines noch als Nachtrag: Jeder
Besucher möge bei der Besichtigung des Bootes bedenken, dass keine
Besatzung mehr an Bord ist und dass die gesamte Zusatz ausrüstung an
Reservetorpedos, Lebens- mitteln und dergleichen fehlt. Erst die volle
Ausrüstung könnte einen wirklichen Eindruck vermitteln, was die
Besatzung an zusätz lichen Strapazen auf sich nehmen musste, wozu
auch bei Unterwasserfahrten der Mief aus Düften aller Art zu zählen
ist und der immer geringer werdende Sauerstoff in der Luft; von all
diesem abgesehen: die Wasser- bomben, die oft stunden- und manchmal
tagelang das Boot und die Männer bedrohten.
© Jochen Brennecke, Meerbusch |